Der Vortrag.

 

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, angesichts der großen Bedeutung der..." - untersucht den vor ihm stehenden Overhead Projektor - "... der gesellschaftlichen Relevanz dieser überaus..." – untersucht die andere Seite des Projektors, etwas leiserer zum Diskussionsleiter: "Wo schaltet man das Ding ein?". Diskussionsleiter springt heran und untersucht das Ding, ohne Erfolg. Ein weiterer Zuhörer zeigt seine Kompetenz: "Links vorne!". Vortragender findet den Schalter rechts hinten. Das Ding leuchtet sogar auf. Erleichterung bei einigen Zuhörern, bei anderen legt sich das verstohlene Grinsen wieder.

 

Eine Folie wird aufgelegt, "wie man hieraus erkennt...", der Vortragende steht davor, so daß das Bild verschwommen auf seinem Hemd erscheint. "Entschuldigung, wie man hier gut erkennt...". Er schaut erwartungsvoll in die Zuhörerschaft, ob sie es erkennt, erkennt daher selbst nicht, daß das Bild seitenverkehrt erscheint und die durch viele mühsame Berechnungen entstandenen Kurven wie ein Schnittbogenmuster aussehen. Er dreht die Folie ein paar Mal nach statistischen Gesetzen, bis die Zuhörer das erkennen, was sie erkennen sollen, zumindest einige.

 

Einer behauptet, es wäre unscharf, welches wieder eine Aktivität von Diskussionsleiter und kompetentem Zuhörer in der ersten Reihe auslöst. Ein weiterer Zuhörer, der dem Kompetenten die Kompetenz neidet, meint, vielleicht könnte man etwas verdunkeln.

 

Diskussionsleiter und ein dritter Kompetenter eilen zum Fenster, um die Verdunkelung herunterzukurbeln. Zuerst klemmt sie, dann kommt sie doch mit viel Geräusch herunter und läßt durch einen schrägen Spalt unten einen scharfen Tageslichtstrahl auf die Leinwand fallen, so daß das Schnittbogenmuster kaum erkennbar ist. Aber inzwischen haben die Zuhörer das Bild als das erkannt, was sie bei der letzten Tagung schon gesehen haben - wegen der großen Bedeutung.

 

Ein Zeigestock ist inzwischen auch durch eifrige Zusammenarbeit zwischen Diskussionsleiter und den beiden Kompetenten gefunden worden. Bei der nächsten Folie fällt der Zeigestock mit viel Gepolter um und weckt den Herrn in der vorletzten Bank wieder auf.

 

Nach etwa einer dreiviertel Stunde ohne wesentliche Unterbrechung - der Projektor hat nicht gestreikt, die Ersatzlampe hätte sonst beim Hausmeister gelegen, der aber um die Zeit ohnedies nicht zu erreichen ist, die Folien sind fast alle richtig erschienen, nur einmal ist der ganze Folienstoß auf den Fußboden abgerutscht, der Zeigestock war inzwischen auch einmal verschwunden, ein Zuhörer - von den weniger kompetenten aus der letzten Reihe - schlich sich im Dunklen aus dem Raum und ließ durch die Tür wieder einen scharfen Lichtstrahl auf die Leinwand fallen...

 

Also, nach einer dreiviertel Stunde hatten die Zuhörer nun alles, fast alles erkannt, "...ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit". Kompetentes Klopfen. Ein Zuhörer schreckt aus seiner Ruhe auf und klopft ebenfalls - eine Spur verspätet. Der Diskussionsleiter dankt ebenfalls dem Vortragenden für seine anschaulichen Ausführungen und eröffnet die Diskussion, "gibt es Fragen, Anregungen oder Bemerkungen?". Ein Herr links hinten hebt den Finger, wird aber vom Diskussionsleiter nicht bemerkt, weil dieser erwartungsvoll auf Prof. Mückelbruch rechts vorne blickt, der sich jedoch nicht rührt. Der Vortragende deutet dem Diskussionsleiter, daß links hinten jemand sich gemeldet hat, der dann auch zu Wort kommt. "Haben Sie versucht, diese Abhängigkeit auch bei tiefen Temperaturen zu messen? Ich habe nämlich bei ähnlichen Experimenten...".

 

Der Vortragende meint, bei tiefen Temperaturen hätten sie zwar noch nicht gemessen, aber es gäbe Anzeichen dafür... Außerdem hätten sie im Institut für das nächste Jahr bereits geplant...

 

Diskussionsleiter stellt dann fest, es gäbe offensichtlich keine weiteren Fragen, übersieht dabei den schüchternen Herren in der Mitte des Raumes, bedankt sich nochmals für die anschaulichen Ausführungen. Klopfen, Stühlerücken, die Zuhörer drängen zum Ausgang - der letzte Bus geht gleich. Der Vortragende rafft seine Folien zusammen für den nächsten Vortrag über die Bedeutung von...

 

 (Okt. 1990)