Die Unzulänglichkeit

 

und die Zukunft der Menschheit.

 

 

Es ist unser nach außen getragener Wunsch, unsere Umwelt zu erhalten, für uns selbst und für zukünftige Generationen, für unsere Kinder und Enkel und für deren Kinder und Enkel.

 

Unser unbewußtes Handeln wird jedoch getrieben durch die Sucht, unser Leben möglichst bequem zu gestalten, Rücksichten auf Mitgeschöpfe oder gar zukünftige Generationen außer Acht zu lassen, zu Gunsten eines augenblicklichen Vorteils.

 

Aus diesen beiden Kräften, die eine aus der Vernunft, die andere aus den unbewußten Trieben, erklärt sich unser widersinniges Handeln: der erklärte Wille, die Umwelt zu erhalten und die zerstörerischen Taten.

 

Unsere globalen Geschicke werden nicht von uns bewußt gelenkt, sondern werden bestimmt durch das chaotische Zusammenspiel von tausenden Interessen, Forderungen, Sehnsüchten und Begierden. Welche von diesen Kräften gerade stärker und schwächer sind ist dem zufälligen Zusammenspiel vielerlei äußerer Einflüsse unterworfen, Klima, Wetter, Naturkatastrophen, aber auch politischer Konstellationen, augenblicklicher Macht-verhältnisse u.v.m.

 

Mit dieser Ansicht befinde ich mich bewußt im Gegensatz zu der von Carl Jaspers geäußerten Meinung:

 

„Die Zukunft des Menschen kommt nicht von selber wie Naturgeschehen.

 

Was wir heute, und im jeden Augenblick tun, was wir denken und erwarten, wird zugleich ein Ursprung der Zukunft, der bei uns liegt. Nur durch die Verantwortung für das Gegenwärtige können wir verantwortlich für die Zukunft werden.“ (bei E.Pestel, Das Deutschlandmodell, Fischer Verlag, 1980, aus „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“)

 

In dieser Äußerung liegt meines Erachtens der Mangel darin, daß es uns nicht gelingen kann, all diese Ursprünge der Zukunft unter einen Hut zu bringen, es sei denn, man differenziert nach Einflußsphären:

 

Je enger die Einflußsphäre gehalten wird, desto größer ist die Möglichkeit der bewußten Einflußnahme.

 

Nach E.Pestels Definition gehöre ich damit zunächst zu seinen Pessimisten. Ich bin aber nicht der Meinung, daß wir die Verantwortung für unsere Umwelt und für zukünftige Generationen ablegen können, daß „wir ja nichts machen können.“ Ich bin vielmehr der Meinung daß der Ansatz anders definiert werden muß, nicht durch technische Verbesserung, sondern durch notwendige Einsicht.

 

Auch bin ich nicht der Meinung, daß wir durch Sachzwänge gebunden sind, im Gegenteil, es sind keine Sachzwänge, die uns binden. Es gibt genügend denkbare Möglichkeiten, eine „bessere Welt“ aufzubauen.

 

Die Überlegungen kranken aber alle daran, daß das eigentliche Problem nicht behandelt wird, die Tatsache, daß wir zu viele Menschen auf dieser Erde sind, und daß zu viele Menschen zu viel wollen.

 

Wir glauben, mit verbesserter Technik die Probleme lösen zu können, schaffen uns damit aber immer nur neue und größere Probleme.

 

Wir glauben immer noch, die Entwicklung steuern zu können, in Wirklichkeit läuft die Entwicklung ab ohne unsere willentliche Beeinflussung.

 

Pläne werden durchkreuzt durch Kriege.  Die Schere zwischen Armut und Reichtum wird immer weiter gegen unsere kollektive Absicht. Unsere Umwelt zerstören wir immer weiter wider alle Vernunft. Den Treibhauseffekt können wir nicht aufhalten. Das Ozonloch können wir nicht stopfen usw.

 

Bei jedem Vorschlag, die Welt zu retten, fallen einem Maßnahmen und Verhaltensweisen ein, die dem entgegenwirken.

 

Als Beispiel die Erklärungen der Rio-Konferenz:

 

Das Ergebnis ist gekennzeichnet durch nachhaltige Blauäugigkeit (sustainable naivety). Es werden alle Mißstände aufgezählt zusammen mit der Notwendigkeit, diese zu bekämpfen. Der zentrale Fehler dabei ist wieder der anthropozentrische Standpunkt („die Deklaration stellt fest, daß die Menschen im Mittelpunkt des Interesses an nachhaltiger Entwicklung stehen“). Dies ist nicht mit dem Ziel, „die Gesundheit und Integrität des Ökosystems der Erde zu erhalten und wiederherzustellen“ vereinbar.

 

Es wird festgelegt, daß „die Staaten bei der Nutzung ihrer eigenen Ressourcen die Umwelt außerhalb ihres Hoheitsgebietes nicht schädigen dürfen“; dabei fällt mir Garzweiler II ein, dessen Auswirkungen in den Niederlanden befürchtet werden.

 

Die Notwendigkeit der Armutsbekämpfung wird betont, der überwiegende Teil der Finanzierung ist aber von den Entwicklungsländern selbst aufzubringen.

 

Gleichzeitig wird auch die „Verantwortung der Industrieländer als wesentlicher Verursacher für bisher entstandene globale Umweltschäden“ herausgestellt.

 

In der Walderklärung tritt der Gegensatz zwischen der „nationalen Souveränität“ über die auf dem Territorium der Tropenländer befindlichen Wälder und der von den Industrieländern herausgestellten „globalen Funktion der Wälder“ offen auf.

 

Was eine „angemessene Bevölkerungspolitik“ ist wird nicht gesagt (vielleicht nachhaltige Geburtenkontrolle).

 

Auch andere gutklingende Worte werden ohne nähere Inhaltsangabe verwendet; inwiefern z.B. ein „dynamisches, offenes Wirtschaftssystem“ für eine „umweltverträgliche, nachhaltige Entwicklung“ von Bedeutung ist, bleibt offen.

 

Auch aus dieser Überlegung heraus muß der Ansatz anders definiert werden.

 

Beim Ansatz kann nicht auf Vernunft oder Einsicht aller Menschen gebaut werden. Im Gegenteil, die Wünsche und Begierden, die Egoismen müssen mit ins Kalkül gesetzt werden.

 

Zunächst, was heißt „die Welt retten“? Das heißt, sie für uns zu retten, also auch ein anthropozentrischer Standpunkt.

 

Wenn es uns nicht gelingt, „die Welt für uns zu retten“, wird der Mensch etwas früher als vielleicht vorgesehen von der Erdoberfläche verschwinden oder zumindest auf ein Maß zurückgedrängt werden, wie wir es in den letzten Zwischeneiszeiten erlebt haben. Er wird sein Leben fristen mit einigen Millionen Mitgliedern, ohne große Einwirkung auf den Rest der Natur auszuüben. Die Erde wird sich nach einigen Zigtausend Jahren oder vielleicht Millionen Jahren vom Menschen erholt haben. Die Natur wird sich in uns unbekannte Richtung weiterentwickeln.

 

Aber so weit voraus brauchen wir nicht zu schauen, wir werden viel früher zurückfallen in Zustände, wie wir sie im Mittelalter erlebt haben, und wie der Großteil der Menschheit sie heute auch erlebt.

 

Der überwiegende Teil der Menschheit lebt in einem Zustand, den wir mit Armut bezeichnen würden. Nur der kleine Teil der Menschheit, der direkten Zugang zu den Energiequellen der Erde hat, lebt in dem Zustand, den wir in den industrialisierten Ländern als normal empfinden.

 

Wenn jedoch diese Quellen versiegen, wird auch dieser Teil in Armut zurückfallen.

 

Die Quellen werden nicht plötzlich versiegen, vielmehr wird die Energie immer teurer und teurer. Es wird die Zeit kommen, in der nur Reiche es sich leisten können, abends bei künstlichem Licht zu lesen, in der nur Reiche Zugang zu unbeschränkter Information über alle Medien haben.

 

Unter anderem auf Grund dieser Informationsschere wird die Kluft zwischen arm und reich immer weiter, d.h. die Insel, auf der wir Menschen der industriellen Länder leben, wird im Laufe der Jahrhunderte immer kleiner.

 

So werden wir langsam aber stetig in mittelalterliche Zustände zurückfallen. Einige wenige reiche Dynastien werden die große Masse der Menschen kontrollieren, während eben diese große Masse kaum zu anderen Tätigkeiten Zeit finden wird, als das tägliche Brot zu erwerben.

 

Angesicht dieser offenbar unvermeidbaren Perspektive haben wir nur die Möglichkeit, diese Zukunft möglichst erträglich zu machen, und zwar durch den größtmöglichen Ausbau der Verwendung regenerativer Energiequellen. Die Energiepreise hierfür nach heutigem Maßstab werden in Zukunft keine Rolle mehr spielen, da es keine Alternative gibt.

 

Angesicht dieser Perspektive wiederum ist es unverantwortlich, die vorhandenen Energievorräte unnötig für etwas Anderes zu verwenden als für den Aufbau eines Versorgungssystems, das auf der Verwendung regenerativer Energie basiert.

 

Eine solche Aufgabe wäre auch sehr arbeitsintensiv, würde also auf längere Sicht entscheidend zur Lösung der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit beitragen. Freilich geht das auf Kosten von augenblicklichen Bequemlichkeiten über viele bereits erkannte Wege: Herabsetzung des Verbrauchs im Verkehrswesen, im Hauswärmeverbrauch, Verzicht auf unnötige Mobilität, auch auf Tourismus im heutigen Maß, Unterbindung unnötiger Kapitalanhäufung (was jedoch schwierig sein wird konsistent mit der Berücksichtigung von Egoismen zu gestalten). Auch würde das bedeuten Bündelung aller Kräfte statt Personalabbau und ungezielte Kosteneinsparungen.

 

(Sept.1993)